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Gesetzliche oder private Krankenversicherung – wo sind die Unterschiede?

Montag, 23. April 2012

In kaum einer anderen Branche scheinen die Unterschiede zwischen Arm und Reich deutlicher hervorzutreten wie in der Krankenversorgung: von einer Bevorzugung der lukrativen Privatversicherten durch die Ärzte ist die Rede, die gesetzlich Versicherten haben angeblich häufig das Nachsehen. Wo Privatversicherte einfach durchgewunken werden, müssen gesetzlich Versicherte Schlange stehen, heißt es oft. Doch bestehen diese Unterschiede tatsächlich und ist eine private Krankenversicherung wirklich günstiger?

Voraussetzungen

Ein freies Wahlrecht zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung besteht zunächst nicht. Vielmehr soll nach Willen des Gesetzgebers die gesetzliche Krankenversicherung wohl der Regelfall, die Privatversicherung die Ausnahme sein. In der gesetzlichen Krankenversicherung sind zunächst all diejenigen Arbeitnehmer mit einem sozialversicherungspflichtigen Einkommen unterhalb einer bestimmten Einkommensgrenze auf Grund eines Gesetzes versichert. Diese Einkommensgrenze erhöht sich in der Regel jährlich und liegt für 2012 bei 50.850 €. Die Wahl der privaten Krankenversicherung bleibt nichtselbstständig beschäftigten Personen, deren Einkommen unter dieser Schwelle liegt, also verwehrt. Andere Berufsgruppen, also Selbstständige, Freiberufler und Beamte, unterliegen dieser Einkommensgrenze nicht; diese können die Privatversicherung frei wählen oder sich freiwillig gesetzlich versichern. Innerhalb des Systems der gesetzlichen Krankenkasse ist es allerdings möglich, den konkreten Anbieter frei auszusuchen, also sich beispielsweise zwischen AOK, BKK und anderen Versicherern zu entscheiden.

Selbst wenn diese Voraussetzung im Hinblick auf das Einkommen jedoch gegeben ist, bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass ein Eintritt in die Privatversicherung möglich ist: während die gesetzlichen Krankenversicherungen ohne jegliche weitere Prüfung ein neues Mitglied aufnehmen müssen, können private Versicherer einen Beitritt von einem vorherigen Gesundheitscheck oder Ähnlichem abhängig machen. Fällt dieser negativ aus, weil beispielsweise erhöhte Vorbelastungen durch vorherige Erkrankungen und damit das Risiko einer erneuten langfristigen Behandlung besteht, können diese eine Versicherung ablehnen oder auch höhere Beiträge verlangen. Auch das Alter des Versicherten spielt dabei eine Rolle; hier erhöhen sich die zu zahlenden Beiträge oft exponentiell, so dass ein später Wechsel in di private Krankenversicherung häufig nicht zu empfehlen ist.

Leistungen der privaten Krankenversicherung

Die Unterschiede zur gesetzlichen Krankenversicherung werden zum einen in der Gestaltung des zu entrichtenden Beitrages, zum anderen in den gewährten Leistungen deutlich.

In der gesetzlichen Krankenversicherung wird der Beitrag streng nach dem Bruttoeinkommen des zu Versichernden berechnet; er beträgt momentan 15,5 % des Bruttoeinkommens, von welchen der Arbeitnehmer einen Anteil von 8,2 % zu tragen hat, den Rest zahlt der Arbeitgeber. Hinzu kommen Zuzahlungen bei Medikamenten sowie die so genannte Praxisgebühr, die einmalig pro Quartal für den Arztbesuch anfällt. Zudem verlangen einige Krankenkassen einen einkommensunabhängigen Zusatzbeitrag. Dieser wird allerdings inzwischen nur noch von wenigen Kassen erhoben, was wohl vor allem der allgemein guten Ertragslage geschuldet ist. Der Versicherungsschutz erstreckt sich dabei in der Regel auf alle Familienmitglieder des Versicherten, die kein eigenes Einkommen erzielen, sowie Studenten bis zu einem Alter von 25 Jahren.

Die privaten Versicherer kalkulieren indes anders: in den jeweils zu zahlenden Beitrag fließen viele Komponenten wie Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand und vereinbarte Versicherungsleistung ein. Auch muss jedes einzelne Familienmitglied selbst versichert werden. Wie bereits erwähnt, erhöht sich so der Beitrag vor allem im Alter stark. Dem steht allerdings ein möglicherweise niedriger Beitrag in jüngeren Jahren gegenüber.

Bezüglich der Leistungen existiert allerdings der häufig diskutierte Unterschied zwischen den Versicherungsarten tatsächlich. Dieser wirkt sich zwar nicht direkt am Empfang in der Praxis aus, wo der Privatpatient angeblich eindeutig bevorzugt wird – zumindest ist das nicht so vorgesehen. Jedoch sind die Leistungen in der gesetzlichen Krankenkasse darauf ausgerichtet, eine ausreichende und zweckmäßige Behandlung zu sichern. Das führt dazu, dass einige, früher selbstverständlich erbrachte Leistungen heute nicht mehr gewährt werden und von den gesetzlich Versicherten selbst teilweise oder ganz getragen werden müssen, etwa alternative Behandlungsmethoden, Sehhilfen oder weite Teile im Bereich des Zahnersatzes. Im Gegensatz dazu bieten private Krankenversicherungen meist eine Vielzahl von zuzahlungsfreien Leistungen an, weil gerade dadurch ja auch die Abgrenzung zu Konkurrenten gelingt. So werden teils hohe Zuzahlungen beim Zahnersatz und bei Brillen geleistet, alternative Heilmethoden gefördert oder eine Chefarztbehandlung ermöglicht.

Durchlässigkeit nach Wahl

Zu beachten ist allerdings, dass eine Rückkehr aus der privaten in die gesetzliche Krankenversicherung nicht immer problemlos möglich ist, da eine Ausnutzung der zunächst unter Umständen günstigeren Beitragssätze in der privaten Krankenversicherung in jüngeren Jahren erschwert werden soll. Für diese Rückkehrmöglichkeit ist zwischen den verschiedenen Gruppen zu unterscheiden. Grundsätzlich darf man in die gesetzliche Krankenversicherung nur dann zurückkehren, wenn man die Voraussetzungen für die Versicherungspflicht in der gesetzlichen Krankenversicherung erfüllt. Das bedeutet bei Arbeitnehmern in der Regel, dass die maßgebliche Einkommensgrenze auf Dauer unterschritten werden muss. Auch Selbstständige und Freiberufler haben diese Möglichkeit, wenn sie beispielsweise in einen versicherungspflichtigen Beruf wechseln und ihre Selbstständigkeit aufgeben. Besonders schwierig ist die Lage bei Personen, die über 55 Jahre alt sind: hier ist ein Wechsel nur in Ausnahmefällen möglich. Außerdem kann bei geringfügigen Einkünften wohl eine Mitversicherung als Familienmitglied des jeweiligen Partners in Betracht kommen. Dahinter steht der Gedanke, dass nicht zuerst die früher niedrigeren Beiträge der privaten Krankenversicherung und dann im Alter die Vorteile des gleichbleibenden Beitrags zur gesetzlichen Krankenversicherung gleichermaßen genutzt werden.

Im Allgemeinen stellt sich der Wechsel jedoch nach all dem als problematisch dar und ist wohl meist mit finanziellen Einbußen verbunden.

Fazit

Das Verhältnis zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung ist gespalten: auf der einen Seite steht eine vermeintlich bessere Versorgung und zunächst niedrigere Zuzahlungen im konkreten Bedarfsfall. Auf der anderen Seite bietet die gesetzliche Krankenversicherung eine gute Grundversorgung und vor allem eine relative Planungssicherheit, da eine überraschende, hohe Beitragserhöhung faktisch ausgeschlossen ist. Vor allem angesichts des letztgenannten Aspekts wirken die oft beschworenen Vorteile der privaten Krankenversicherung längst nicht mehr als so verlockend; die niedrigen Prämien in jungen Jahren werden nur allzu oft durch horrende Beitragssätze im Alter kompensiert und durch die erschwerte Wechselmöglichkeit erschwert. Daher ist ein Verbleib in der gesetzlichen Krankenversicherung häufig keine schlechte Wahl, zumal inzwischen ein breites Angebot an privaten Zusatzversicherungen besteht: so können beispielsweise Leistungen zum Zahnersatz, bei Sehhilfen oder für die Chefarztbehandlung individuell als Zusatztarif bei einem privaten Versicherer gebucht werden. Die Beitragsbemessung erfolgt hier ebenfalls nach den oben beschriebenen Kriterien. In Kombination mit einer gesetzlichen Krankenversicherung stellt dies wohl die optimale Lösung dar. Allerdings ist die Krankenversicherung in Deutschland von jeher eine sehr dynamische Materie, die steter Änderung unterworfen ist; so bleibt vor allem abzuwarten, wie sich die kürzlich bekannt gewordenen Milliardenüberschüsse der gesetzlichen Krankenkassen auswirken.

 
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