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Der Einfluss der Rating-Agenturen

Montag, 19. März 2012

Gerade nach dem angepeilten und jüngst durchgeführten Schuldenschnitt in Griechenland sind sie wieder in aller Munde: die Rating-Agenturen, die scheinbar im Alleingang über Wohl und Wehe auf den internationalen Finanzmärkten entscheiden. Oft genug scheint es, als ob diese Institute willkürlich handeln und so die Zahlungsfähigkeit ganzer Volkswirtschaften bedrohen würden.  Unklar bleibt dabei häufig, wie das System der Rating-Agenturen überhaupt funktioniert und wer eigentlich hinter diesen Unternehmen steht. Auf diese Fragen sollen im Folgenden Antworten gegeben werden.

Geschichtliches

Die Rating-Agenturen können auf eine lange Tradition zurückblicken: bereits Mitte des 19. Jahrhunderts begann Henry Varnum Poor, in den USA ein Magazin mit Informationen über Eisenbahngesellschaften für potentielle Anleger herauszugeben, um diese vor Fehlinvestitionen zu schützen. Anfang des 20. Jahrhunderts folgte John Moody, der erstmals ein systematisches Rating ebenfalls für Eisenbahngesellschaften als eine der wichtigsten Investitionsmöglichkeiten für Großanleger einführte. Die Idee der externen Bewertung von Geldanlagen durch unabhängige Unternehmen war geboren. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wuchs die Macht dieser Unternehmen vor allem durch staatliche Interventionen: so wurde es vor allem in den USA für jedes Unternehmen, das Anteile oder sonstige Wertpapiere emittieren, also zum Zweck der Kapitalgewinnung ausgeben wollte, zur Pflicht, sich durch mindestens zwei Rating-Agenturen bewerten zu lassen. Diese im Grundsatz gute Initiative wurde in anderen Staaten schnell nachgeahmt, da hiervon eine Verbesserung des Anlegerschutzes erwartet wurde. Verbunden war der vermehrte Einsatz der Rating-Agenturen zwangsläufig auch mit einer stetigen Ausweitung ihres Einflusses, zumal gerade die Macht einiger weniger dieser Institutionen zementiert wurde: in den maßgeblichen Gesetzen, die den Zwang zur Bewertung festlegten, waren zunächst ausdrücklich nämlich nur die drei Großen der Branche erwähnt, auf die noch zurückzukommen sein wird.

Aktueller Stand

Der Aufgabe des Anlegerschutzes gehen die Rating-Agenturen auch heute noch im Grunde nach. Wichtig sind im internationalen Umfeld derzeit vor allem die drei alteingesessenen Agenturen: Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch. Daneben existieren weitere regionale Bewertungsunternehmen, wie die kanadische Dominion Bond Rating Service oder die deutsche Creditreform Rating AG. Maßgeblichen Einfluss üben allerdings wohl nur die erstgenannten Agenturen aus. Diese Geltung wird vor allem in der Bewertung der Bonität anderer Unternehmen oder auch ganzer Staaten durch die Agenturen deutlich. Zunächst werden die Rating-Agenturen vom zu bewertenden Unternehmen selbst oder einem Kreditgeber mit der Bonitätsbewertung beauftragt, sie sollen also prüfen, wie hoch das Risiko eines Zahlungsausfalls ist. Dazu erhalten sie Unternehmenszahlen wie etwa Umsatzhöhe, Gewinn, Eigenkapital oder bei Staaten deren Verschuldung, Bruttoinlandsprodukt oder Ähnliches und berechnen daraus dann die Bonitätserwartung des Unternehmens oder Staates. Um die abschließende Bewertung zu vereinfachen und zu typisieren, wurde von den Ratingagenturen ein System von Kennzahlen entwickelt, in welches ein untersuchtes Unternehmen anhand seiner Bonität eingeordnet wird. Dieses System reicht von AAA, dem begehrten Triple A, was einer sehr guten Bonität und einem überaus geringen Risiko eines Zahlungsausfalls entspricht, bis zu C beziehungsweise D je nach Rating-Agentur, was bereits einem faktischen Zahlungsausfall gleichkommt. Diese Einstufung allein hätte noch keine Auswirkung, würden sich nicht potentielle Kreditgeber an ebendiesen Ratings orientieren: muss ein bewertetes Unternehmen oder ein  Staat ein Darlehen aufnehmen oder sich sonst Kapital beschaffen, müssen sie für dieses Kapital in aller Regel ein Entgelt in Form von Zinsen bezahlen. Wie hoch die Zinsen sind, bemisst sich neben anderen Faktoren maßgeblich danach, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass es zu einem kompletten Zahlungsausfall des Schuldners kommt, also letztlich nach der Bonität des Unternehmens oder des Staates, die im Grunde wiederum allein von der Bewertung durch die Rating-Agenturen abhängt. Dies führt gleichsam zu einem Teufelskreis: ein gut bewertetes Unternehmen kann günstig neue Gelder aufnehmen und weitere Investitionen tätigen, während ein Unternehmen mit schlechtem Rating eine hohe Zinslast stemmen muss, was zu weiteren Ausgaben führt, die die Bewertung weiter herabdrücken können.

Kritik und Reformmöglichkeiten

Letztgenanntes Problem ist auch einer der Hauptkritikpunkte: die Rating-Agenturen sind in manchen Fällen nicht Teil der Lösung eines Problems, sondern dessen Ursache, weil sie mitverantwortlich für den Niedergang eines Unternehmens sein können. Dies gilt vor allem in Fällen, in welchen die Unternehmen mit ihren Kreditgebern Klauseln vereinbart haben, die zu einer Kündbarkeit beispielsweise eines Darlehens bei einer Verschlechterung des Ratings führen; das Unternehmen muss dann die eingeplanten Gelder zurückzahlen und sich in der Regel einen teureren, also höher verzinsten neuen Kredit besorgen, sofern das überhaupt noch möglich ist; andernfalls kann die Insolvenz drohen.

Weiterhin wird oft problematisiert, dass die Ratings der Agenturen an der Realität vorbeigehen. Dies kann das Ergebnis von zurückgehaltenen Informationen durch Unternehmen und Staaten sein, aber auch aus Betrugsfällen resultieren, bei welchen mehrere Beteiligte zur bewussten Täuschung der Anleger zusammenwirken. Zudem sollen die Rating-Agenturen sich zum Teil auch in Interessenkonflikten befinden, gerade weil sie eng mit Unternehmen zusammenarbeiten und sie selbst ja auch gewinnorientierte Unternehmen sind, die von der Beauftragung durch ihre Kunden angewiesen sind. Auch die Tatsache, dass nur wenige international tätige Agenturen gleichsam die Bewertung aller Unternehmen durchführen, ist Gegenstand der Kritik; eine wirkliche Kontrolle vor allem der Objektivität der Bewertungen erscheint hier fraglich.

Insgesamt erscheint das System also durchaus als fehleranfällig. In Anbetracht des großen Einflusses, den die Rating-Agenturen auf dem weltweiten Kapitalmarkt haben, wirkt sich dies umso stärker aus.

Um diese Situation zu verbessern, werden einige Reformvorschläge diskutiert oder wurden bereits umgesetzt. So wurden vor allem in der Europäischen Union Maßnahmen ergriffen, die zunächst 2009 in der so genannten EU-Rating-Verordnung (vgl. http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2009:302:0001:0031:DE:PDF) ihren Ausdruck gefunden haben. Dort werden Vorgaben insbesondere im Hinblick auf die Lösung von Interessenkonflikten, Transparenz und Qualität des Bewertungsverfahrens gemacht. In Deutschland soll die Einhaltung der Verordnung durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) garantiert werden, die bei Verstößen Bußgelder erheben kann. Die Verordnung wurde 2011 geändert (vgl. http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2011:145:0030:0056:DE:PDF) und soll durch neue Vorschläge der Europäischen Kommission erneut verschärft werden, so ist unter anderem eine Regelung geplant, dass sich potentielle Anleger nicht mehr ausschließlich auf die Ratings verlassen sollen. Daneben wird auch immer wieder die Schaffung einer eigenen Europäischen Ratingagentur diskutiert, die neben die maßgeblichen amerikanischen Institute treten soll.

Fazit

Die Bewertung eines potentiellen Kreditnehmers durch einen externen, objektiven Dritten ist im Grundsatz eine gute Sache. Probleme treten jedoch dann auf, wenn gerade die Objektivität dieser Bewertung nicht sichergestellt werden kann oder der Dritte, in diesem Fall die Rating-Agenturen, einen Einfluss ausübt, der letzten Endes existenzbedrohend wirkt. Daher sind vor allem die Bemühungen der EU, die Macht der Rating-Agenturen einzuschränken, zu begrüßen.

Die Schuldenkrise in Griechenland

Montag, 21. November 2011

Kaum ein anderes Thema hat die Medienlandschaft in den letzten Wochen so bestimmt wie die Frage der Schuldenkrise in Griechenland. Vielfach wird hier jedoch mit Fachbegriffen so inflationär umgegangen, dass am Ende beim Bürger mehr Fragen als Antworten bleiben. Mit Worten wir Rettungsschirm und Schuldenschnitt, Eurobonds und EFSM weiß kaum jemand etwas anzufangen, das Verständnis leidet. Im Folgenden soll daher ein Überblick über die Entwicklung der Krise und die wichtigsten Maßnahmen gegeben werden.

Die Entwicklung von der nationalen zur Eurokrise

Seit Langem bestimmt die Entwicklung in Griechenland nahezu täglich das Bild in den Nachrichten. Begonnen hat die Krise bereits im Jahr 2010: damals war offensichtlich geworden, dass Griechenland seit Jahren ein strukturelles Haushaltsdefizit aufweist, der griechische Staat also wesentlich mehr Geld ausgibt als an Steuern und anderen Einnahmen erwirtschaftet wird. Dadurch wuchs auch der griechische Schuldenberg auf eine immense Summe. Die Folge dieser hohen Verschuldung ist, dass eine Kapitalbeschaffung am freien Markt inzwischen nahezu unmöglich ist; grundsätzlich sind nämlich auch Staaten gezwungen, sich notwendiges Geld, also „flüssige Mittel“ für die laufenden Kosten, das sie nicht durch eigene Steuern oder ähnliche Einnahmen erwirtschaften können, bei Banken, Investoren etc. wie ein gewöhnlicher Kreditnehmer zu leihen. Mittel zu dieser Kapitalbeschaffung sind beispielsweise Staatsanleihen als besondere Art der Schuldverschreibung, die Staaten für eine bestimmte Geldsumme an Gläubiger ausgeben und für die sie je nach Laufzeit und Bonität, die sich maßgeblich nach dem Ausfallrisiko bestimmt, niedrige oder hohe Zinsen zahlen. Wegen der hohen Verschuldung wuchs jedoch die Angst der Kreditgeber, der Staat könne das geliehene Geld nicht mehr zurückzahlen. Die logische Folge davon ist, dass die Zinsen für Darlehen, wie auch bei Privatkreditnehmern, in die Höhe schnellen. Um jedoch laufende Ausgaben zu decken und insbesondere fällige Altkredite zurückzuzahlen, braucht auch ein Staat liquide Mittel; kann er nicht mehr zahlen, ist er praktisch insolvent, also zahlungsunfähig. Als Nebenfolge setzen die Ratingagenturen, die die Bonität von Schuldnern ermitteln, das Rating Griechenlands immer weiter herab, so dass Griechenland für frisches Geld noch mehr Zinsen zahlen musste. Ein verhängnisvoller Teufelskreis entwickelte sich so.

Hier setzen nun die Bemühungen der Eurozone ein, die vor allem aufgrund der Bankenwelt eine Zahlungsunfähigkeit des griechischen Staates verhindern wollen. Bei einer solchen wird nämlich befürchtet, dass viele Banken, die Staatsanleihen des Landes halten, ebenfalls vor dem Ruin stünden und wie 2008 gestützt werden müssten.

Nach vielen Protesten weitete sich die Schuldenkrise daneben zu einer handfesten Regierungskrise im November aus: erst nach langen Diskussionen und der Ankündigung einer Volksabstimmung trat der bisherige Regierungschef Papandreou zurück und überließ seinem Nachfolger Papadimos den Platz als Ministerpräsident.

Gegenmaßnahmen

Um eine Zahlungsunfähigkeit Griechenlands zu verhindern, wurden sodann verschiedene Gegenmaßnahmen eingeleitet. Während die griechische Regierung verschiedene Sparpakete auflegte, was zu massiven Protesten der Bevölkerung führte, und zudem verstärkt Korruption und Schattenwirtschaft bekämpfen wollte, blieben auch die Europäische Union, die Europäische Zentralbank sowie der Internationale Währungsfonds, der als Organ der Vereinten Nationen die internationale Währungspolitik und den Welthandel überwachen soll, nicht untätig.

So wurden bislang zwei Rettungspakete von Europäischer Union und Internationalem Währungsfonds an Griechenland geschnürt, die de facto hauptsächlich aus Krediten, die in einzelnen Stufen, so genannten Tranchen, ausgezahlt werden, bestanden und sich aus verschiedenen Einzelmaßnahmen zusammensetzten. Zudem wurde vereinbart, dass auch Private, wie Banken und Versicherungen, einen Beitrag zur Rettung Griechenlands zu leisten haben. Schließlich wurde bei einem EU-Gipfel Ende Oktober 2011 der so genannte Schuldenschnitt festgelegt, also der Verzicht privater Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen.

Der Europäische Rettungsschirm

Die wohl am meisten diskutierte dieser Maßnahmen stellt der so genannte Europäische Rettungsschirm als ganzes Bündel von Einzelinstrumenten dar. Darunter versteht man zum einen Kredite durch einzelne Mitgliedstaaten der Union an Griechenland in einem Gesamtvolumen von insgesamt 80 Milliarden €, zum anderen verschiedene Stabilisierungsinstrumente. Unter diese Instrumente fallen zunächst der Europäische Finanzstabilisierungsmechanismus (EFSM), der auf einer Verordnung der EU beruht, in der die Vergabe von Krediten direkt durch die Europäische Union an Mitgliedstaaten erlaubt wird, und weiterhin die so genannte Europäische Finanzstabilisierungsstabilität (EFSF), die im Gegensatz dazu ein intergouvernementales Konstrukt darstellt, sich also nach Völker-, nicht nach Europarecht richtet. Letztgenannte Vereinbarung soll dafür sorgen, dass das Kreditvolumen, das aufgrund des EFSM vergeben wird, erhöht wird, indem verschiedene Euro-Staaten verbindlich durch Bürgschaften bis zu 440 Milliarden € für die Kredite der EU an den griechischen Staat haften. Durch einen zusätzlichen „Hebel“ soll dieses Volumen zusätzlich ohne höheres Risiko auf bis zu eine Billion Euro erhöht werden.

Neben diesen vorübergehenden Maßnahmen ist geplant, auch ein dauerhaftes Instrument zur Sicherung des Euro einzurichten, den so genannten Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM). Auch dessen Zweck wäre die Stützung von von der Zahlungsunfähigkeit bedrohten Mitgliedstaaten durch Kredite. Bislang ist der ESM allerdings noch nicht in Kraft.

Neben den Maßnahmen der EU haben auch andere Institutionen Maßnahmen eingeleitet. So hat der Internationale Währungsfonds Kredite in Höhe von bis zu 250 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Die Europäische Zentralbank, ihrerseits ein Organ der Europäischen Union, jedoch weitgehend in der Wahl ihrer Mittel unabhängig von der Politik, hat zur Stützung des Euro begonnen, Staatsanleihen der verschuldeten Staaten auf dem so genannten Zweitmarkt zu erwerben, damit diese wieder über genügend Geldmittel verfügen. Diese Anleihen wurden nicht von den Staaten direkt, was die EU-Verträge verbieten, sondern von Dritten, beispielsweise Banken, erworben, die die Anleihen vorher gekauft hatten. Dadurch wurde das Ausfallrisiko, also die Gefahr, dass die Staaten ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen können, auf einen solventen Schuldner verlagert, was auch zu einer Beruhigung der Märkte führen sollte, die neben der Staatsschulden- auch eine neue Bankenkrise befürchteten.

Die Idee der so genannten Euro-Bonds, die eine Zeit lang die Diskussion beherrschten, konnte sich letztlich nicht durchsetzen. Damit meint man die Möglichkeit, statt wie bisher einzelne Staatsanleihen auszugeben und mit deren Hilfe für jeden Staat gesondert liquide Mittel zu erhalten, in der Gruppe gemeinsame Staatsanleihen, die Euro-Bonds, aufzulegen, das erhaltene Geld dann aufzuteilen und für deren Rückzahlung dann die beteiligten Staaten gemeinsam haften. Der Vorteil eines solchen Vorteils wäre, dass schwächere Staaten von der guten Bonität wirtschaftlich stärkerer Mitgliedstaaten wie beispielsweise Deutschland profitiert und Geldmittel zu wesentlich geringeren Zinsen erhalten hätten. Jedoch wird neben der als ungerecht empfundenen Zinslastverteilung als Ablehnungsgrund vor allem auch angeführt, dass durch die Haftung aller Mitgliedstaaten den einzelnen der Anreiz genommen werden könnte, eine stabile Haushaltslage aus eigener Anstrengung heraus zu schaffen. Angesichts der bisherigen Ablehnung vor allem durch Deutschland und Frankreich gehören die Euro-Bonds daher bislang nicht zum Maßnahmenpaket im Rahmen der Griechenlandrettung.

Insgesamt wird der Erfolg der Maßnahmen abzuwarten sein, die Lage bleibt jedenfalls gespannt.

 
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