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Kann ich mich aus religiösen Gründen vom Unterricht befreien lassen?

Die Beziehung zwischen Staat und Religion ist von jeher ein heikles Thema. Während sich die großen Kirchen indes zunehmend über Mitgliederschwund beklagen, was sich durch viele Skandale in jüngerer Zeit nicht gerade bessert, hat sich die Bundesrepublik längst hin zu einer pluralistischen Gesellschaft mit vielen Religionen entwickelt. Unter diesen stellt der Islam mit seinen verschiedenen Strömungen inzwischen zahlenmäßig eine der größten Gruppen. Dort werden allerdings, gerade in streng religiösen Familien, zum Teil Auffassungen vertreten, die sich nicht immer mit der freiheitlich demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik und ihren Regeln vereinen lassen. Hat ein Gericht derartige Fragen zu entscheiden, muss es stets eine Abwägung treffen zwischen der im Grundgesetz garantierten Freiheit der Religionsausübung einerseits und dem jeweils entgegenstehenden Prinzip.
In dieser Hinsicht hatte jüngst auch das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) zu entscheiden (Urteil vom 11. September 2013, Az. 6 C 25.12). In der Sache ging es um ein muslimisches Mädchen, das die Teilnahme am gemischtgeschlechtlichen Schwimmunterricht verweigerte, weil dies einen Verstoß gegen die Bestimmungen des Korans in ihrer Auslegung darstelle.
Das BVwerG hatte bei seiner Entscheidung konkret die Religionsausübungsfreiheit des Mädchens gegen die staatliche Schulaufsicht, die in Artikel 7 des Grundgesetzes gewährleistet wird. Dabei kam das BVerwG zum Ergebnis, dass eine Nichtteilnahme in diesem Fall ausgeschlossen sei. Zwar ist die Schulaufsicht zurückhaltend auszuüben und im Zusammenhang mit der Religionsausübung Rücksicht zu nehmen. Allerdings kann dies nicht so weit führen, dass das Mädchen von der Teilnahme am Unterricht entbunden wird. Stattdessen sei es ihr möglich, jedenfalls in einem Burkini, einem zweiteiligen Badeanzug, der zur Einhaltung der religiösen Vorschriften beim Baden entwickelt wurde, am Schwimmunterricht teilzunehmen. Darauf, dass sie beim Unterricht dem Anblick von männlichen Kindern und Jugendlichen in Badekleidung ausgesetzt ist, kann sich das Mädchen nicht mit Erfolg berufen: denn auch außerhalb der Schule gehört dies zum alltäglichen Bild. Die Schule aber soll aber neben Bildung auch soziale Integration vermitteln, nicht aber die Realität ausblenden. Etwaige Probleme durch Berührungen oder Ähnliches ließen sich durch eine umsichtige Unterrichtsführung vermeiden.
Mit der Entscheidung findet das BVerwG für einen guten Ausgleich zwischen den widerstreitenden Interessen, ohne tief in die Grundrechte des Einzelnen einzugreifen. Damit ist der Grundgedanke prinzipiell auf andere, ähnliche Sachverhalte übertragbar.